Interview mit dem Regisseur

Wirbel um München-Tatort: Echter Geschlechtsverkehr am Set?

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Autor und Regisseur Philip Koch

Die Münchner Kommissare Batic und Leitmayr ermitteln am Sonntag in der Porno-Branche. Wir sprachen mit Autor und Regisseur Philip Koch darüber, wie nah sein Tatort an der Realität ist. 

Herr Koch, es gibt kaum eine Branche, die mit mehr Klischees behaftet ist als die Porno-Industrie. Sie haben das Buch zu diesem „Tatort“ geschrieben und Regie geführt. Mit welchen ­Vor­urteilen sind Sie in diese Arbeit ­gegangen?

Philip Koch: Mit den – völlig überholten – Vorstellungen, die wahrscheinlich viele mit der Porno-Szene verbinden. Das ist vor allem das Bild der 70er-Jahre: Da sitzen Porno-Produzenten, die ausschauen wie Hugh Hefner, mit Zigarre im Whirlpool und nackte Frauen tanzen um sie herum.

Und wie ist die Wirklichkeit?

Die Wirklichkeit ist vor allem, dass es diese Porno-Industrie, die es in den 70er-Jahren gab, heute nicht mehr gibt. Es gibt ja in dem Sinne auch keine echten Porno-Stars mehr. Gina Wild war vielleicht die Letzte. Heute besteht die Branche in erster Linie aus Amateuren, die ihre Filme selbst drehen und dann ins Internet stellen. Mithilfe einer Handykamera kann man heutzutage sehr leicht sein eigener Porno-Produzent werden. Da muss man kein Internet-Experte sein. 

Was sind das für Leute, die Pornos drehen und ins Netz stellen?

Das zieht sich durch alle gesellschaftlichen Schichten. Da sind vom Bankdirektor bis zur Bäckereiverkäuferin alle dabei. Das Einzige, das alle eint, ist die Lust am Sex – und natürlich die exhibitionistische Veranlagung, diesen Sex freizügig und vor einer Kamera auszuleben. Das ist eine Art Swinger 2.0-Subkultur, die sich in den vergangenen Jahren gebildet hat. Für diese Leute ist ein Porno eine sexuelle Spielwiese, um ein Bedürfnis nach Ekstase und Lust auszuleben. In Deutschland gibt es da gerade einen richtigen Boom. Und diese sehr eigene Welt wollten wir in unserem Film zeigen. Es ist eine düstere, auch irgendwie absurde, in jedem Fall aber verborgene Welt.

Haben Sie Zahlen? Wie viel Prozent der Deutschen haben schon einen Porno gedreht und veröffentlicht?

Mit Zahlen ist das ganz schwierig in diesem Bereich, da bin ich auch vorsichtig. Die Dunkelziffer ist naturgemäß sehr hoch.

Weil die wenigsten offen erzählen, dass sie nebenbei Pornos drehen.

Viele führen sogar ein richtiges Doppelleben. Da weiß das unmittelbarste Umfeld nichts davon, dass der oder die Person in der Freizeit als Porno-Darsteller unterwegs ist. Aus der – zum Teil durchaus berechtigten – Angst heraus, verstoßen zu ­werden.

Die Kommissare Batic (Miro Nemec, links) und Leitmayr (Udo Wachtveitl, mit Jarah Maria Anders) tauchen bei ­ihren Ermittlungen in eine fremde, absurde, manchmal abscheuliche Welt ein: die Porno-­Branche.

Was ja irgendwie absurd ist, schließlich sind die veröffentlichten Pornos theoretisch für jedermann sichtbar. Heimlich und öffentlich geht eigentlich nicht zusammen.

Ja, das ist in der Tat ein absurdes Paradoxon. Die Leute lassen sich beim Sex filmen und wollen gleichzeitig, dass zumindest bestimmte Leute das auf keinen Fall sehen. Aber – und das sagt ja auch eine der Darstellerinnen im Tatort: Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand seine Nachbarin in einem Porno entdeckt, ist enorm gering. Dafür gibt es einfach viel zu viele Filme. Und: Niemand ist unter seinem echten Namen unterwegs.

Könnte dieser „Tatort“ überall spielen oder ist München eine besondere Porno-Stadt?

Koch: München war früher sicher noch mehr eine Porno-Stadt als heute. Die Figur des Porno-Produzenten Sam Jordan aus dem Film ist zum Beispiel einem echten Münchner nachempfunden. Der hat hier die zweifelhaft berühmten Bukkake-Filme gedreht (eine Form von Gruppensex) und genau solche massenorgiastischen Feste abgehalten, wie wir sie im Film zeigen – in Büroräumen über einem Kaufhaus. Überhaupt sind alle Szenen, die im Film zu sehen sind, realistisch – und manchmal sogar nur die Light-Version dessen, was es wirklich gibt. Da ist nichts erfunden. Das passiert alles so.

Woher beziehen Sie Ihr Wissen? 

Ich habe viel gelesen, unter anderem das Buch von Philip Siegel, Drei Zimmer, Küche, Porno. Und ich bin tatsächlich auch selbst auf solchen Festen gewesen. Zur ­Recherche. 

Was hat Sie am meisten überrascht? 

Viele Menschen denken, dass es in dieser Branche Unterdrückung, Zwang und Missbrauch gibt – gerade auf der Seite der Frauen. Aber dem ist nicht so. Natürlich gibt es Einzelfälle, bei denen Frauen nicht freiwillig mitmachen, wo ein Mann seine Partnerin nötigt, mitzumachen. Aber meiner Recherche nach ist das wirklich die ganz große Ausnahme. Die meisten machen es freiwillig. 

Ein „Tatort“ fürs öffentlich-rechtliche Fernsehen, der in der Porno-Szene spielt und um 20.15 Uhr ausgestrahlt wird – wie waren Ihre Beschränkungen als Regisseur, zum Beispiel im Hinblick auf den Jugendschutz? 

Die Tatort-Redaktion hat die Jugendschutzbeauftragte des BR schon beim Schreiben des Drehbuchs in die Arbeit eingebunden. Sie hat den Film auch gemeinsam mit der Redaktion abgenommen mit der Maßgabe, dass er für Zwölfjährige vertretbar ist. Ich persönlich glaube sowieso, dass Zwölfjährige auf ihren Smartphones heute mehr sehen, als sich viele Eltern und Erwachsene vorstellen können. 

Und wie haben Sie die Komparsen gefunden? Da waren ja gerade in der Schlussszene eine ganze Menge dabei, die auch eher freizügig agiert haben. 

Die kamen über eine ganz normale Komparsen-Agentur, firmieren allerdings schon unter dem Titel „Special Komparsen“. Einige von ihnen sind auch tatsächlich in der Branche oder zumindest im Swinger-Bereich unterwegs.

Drehort „Nektar“: Echter Sex am Set? 

Die letzten Minuten des Tatorts haben es am Sonntag nochmal besonders in sich: Kommissar Leitmayr (Udo Wachtveitl) findet sich für die Ermittlungen auf einer massenorgiastischen Party wieder. Nackte, wo man hinschaut, kopulierende Paare überall. Gedreht wurden diese Szenen im Münchner Club „Nektar“ nahe der Inneren Wiener Straße, mit Dutzenden Komparsen. Pikant: Mitarbeiter, die bei der Produktion vor Ort waren, berichten gegenüber der tz, dass einige Darsteller tatsächlich miteinander Sex hatten. Eine offizielle Bestätigung gibt es dafür freilich nicht.

Quelle: lust-tz

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